Integration – ein deutsches Problem

Die letzte Woche stand beim ZDF unter dem Motto »Wohngemeinschaft Deutschland – Woche der Integration«. Zahlreiche Reportagen, Spielfilme, Gesprächsrunden und Shows sollten ein vielfältiges Bild dieser Wohngemeinschaft zeigen.

Für die Dortmunder war vor allem die dreiteilige Dokumentation »Rap, Koran und Oma Bonke« interessant. In der Ankündigung hieß es: »…wirft das ZDF einen Blick auf einen sozialen Brennpunkt in der Dortmunder Nordstadt. Fünf Reporter haben sich für mehrere Monate hier einquartiert, um zu zeigen, über welche Menschen wir reden, wenn es um Integration oder Zuwanderung geht. Welche Chancen sich den Menschen bieten und welche sie nutzen.«

Am Freitag, den 09.11.2007, kurz vor der Ausstrahlung des 3. Teils, fand in einem Gemeindehaus eine öffentliche Diskussionsrunde statt mit einigen der Redakteure und Reportern, die in der Nordstadt fast ein halbes Jahr recherchiert und gedreht haben.

Die meisten Bewohner der Nordstadt sind an diesem Abend unzufrieden und sie zeigen es deutlich. Die Reporter wiederum sind um Verständnis bemüht, rechtfertigen ihre Sendung und verweisen auf den dritten Teil, der noch mehr positive Aspekte zeigen will.

Ich kann den Zorn der Bewohner aus verschiedenen Gründen verstehen. Seit über einem Jahr arbeite ich in der Dortmunder Nordstadt, seit gut einem halben Jahr lebe ich auch hier. Die Dokumentation hat lediglich einen Teilausschnitt der Nordstadt gezeigt, die schlimmen Ecken rund um den Nordmarkt. Da aber die Seiten der Nordstadt, die man sonst gerne präsentiert, nicht gezeigt wurden, entsteht ein falsches Bild.

Auch unser Büro befindet sich in der Mallinckrodtstraße, genauso wie der Nordmarkt. Aber Ratten, Prostituierte oder Drogenabhängige sieht man hier bei uns in der Regel gar nicht. Das Wort »Geschäftsschädigend« geht mir durch den Kopf, als in der Dokumentation ganz allgemein von der Mallinckrodtstraße die Rede ist.

Die Reporter argumentieren, sie hätten sich an Fakten gehalten und nichts erfunden. Der Polizist aus dem Film lobt die Filmemacher am Ende auch, dass sie gezeigt haben, wie der Alltag in der Nordstadt sei. Wie man in den Beiträgen sehen kann, ist dies tatsächlich der Alltag der Polizei. Aber mit Sicherheit nicht meiner. Mein Alltag in der Nordstadt sieht ganz anders aus. Und der vieler anderer auch.

Die Art der Präsentation sagt viel aus über den Inhalt. Man habe die Bilder absichtlich nicht kommentiert bzw. bewertet, sagt ein Reporter. Wenn man die entsprechenden Bilder zeigt, muss man das auch nicht. Man überlässt einfach dem Zuschauer, wie er die Bilder interpretiert.

Inhaltlich sollte gezeigt werden, über welche Menschen wir reden, wenn es um Integration geht. Die Reporter haben sich ihre Protagonisten ausgesucht. In einem Artikel auf derwesten.de heißt dann auch: »Es gibt nicht d i e Menschen in der Nordstadt. Wir haben es mit Einzelgeschichten zu tun. Integration ist eine Frage von Einzelgeschichten.«

Das ist vollkommen richtig. Das unterstreiche ich doppelt und dreifach. Und doch… die Dokumentation lässt mich unbefriedigt zurück. Ich habe Einzelportraits von verschiedenen Menschen gesehen, die soziale Probleme haben oder lösen wollen, die auch bei deutschen Mitbürgern vorkommen. Das Thema Integration schwang zwar immer im Hintergrund mit, wurde aber eigentlich nie wirklich angesprochen. Am ehesten vielleicht im 3. Teil mit der Familie aus Indien. Hier konnte man erahnen, was andere zugewanderte Familien bereits vor Jahrzehnten erfahren haben.

Migranten entwickeln und integrieren sich unterschiedlich. Dabei spielen viele Faktoren eine Rolle. Faktoren, die sie selbst beeinflussen können, und andere, auf die sie keinen Einfluss haben. Manche wollen sich integrieren, manche lehnen es ab. Manche sind erfolgreich, andere nicht. Viele wollen, wissen aber einfach nicht, wie. Denn es geht nicht einfach nur darum, eine Sprache gut zu lernen und sich an Regeln zu halten. Es geht darum, neue »soziale Kompetenzen« aufzubauen, zu lernen und zu verinnerlichen.

Die Fernsehteams haben in Unternehmen, die von Migranten gegründet wurden, gefilmt, wie sich Volkan Baran vom Entwicklungszentrum für berufliche Qualifikation und Integration um die Schaffung neuer Ausbildungsplätze bemüht. Es gibt Migranten, die Arbeitsplätze schaffen, die sich in Gemeinden ehrenamtlich engagieren, die sich also wirtschaftlich und sozial »erfolgreich« integriert haben. Und das alles in der Nordstadt!

Warum nicht wenigstens eine erfolgreiche Integration ausführlich gezeigt wurde, ist mir ein Rätsel. Das Mädchen, das erst seit 2 Jahren in Deutschland lebt und schon Klassenbeste geworden ist, habe man ja auch gezeigt, sagte ein Reporter. Aber sie kam nicht mal eine Minute in der gesamten Dokumentation vor.

Was heißt eigentlich integriert sein?

Wenn ich mich unter Migranten oder Deutschen umhöre, scheint man unter Integration zu verstehen: ein Deutscher zu werden, d.h. perfekt Deutsch zu sprechen, sich zu kleiden wie Deutsche (zumindest nicht auffällig anders) und sich an die hier geltenden Regeln zu halten.

Reicht das?

Im Integrations–-Lexikon des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge heißt es bezeichnenderweise:
»Integration ist ein langfristiger Prozess. Sein Ziel ist es, alle Menschen, die dauerhaft und rechtmäßig in Deutschland leben, in die Gesellschaft einzubeziehen. Zuwanderern soll eine umfassende und gleichberechtigte Teilhabe in allen gesellschaftlichen Bereichen ermöglicht werden. Sie stehen dafür in der Pflicht, Deutsch zu lernen sowie die Verfassung und die Gesetze zu kennen, zu respektieren und zu befolgen.«

Ich finde diese Beschreibung eigentlich gut. Besonders, weil sie offen lässt, wie die Gesellschaft, in der wir hier alle leben, aussehen sollte. Denn was ich und andere im Alltag eher erfahren, ist, dass Integration gleich Assimilation ist. Assimilation ist eine reine Anpassung der Zuwanderer an die vorherrschende Kultur, so dass sie in der neuen Heimat zumindest nicht negativ auffallen. Integration beinhaltet nach meinem Verständnis den Anspruch und die Chance, eine gemeinsame, neue Gesellschaft zu entwickeln. Diese neue Gesellschaft ist vom Grundton her deutsch, weist aber viele neue Farben auf, die sie ohne ihre Zuwanderer nicht hätte.

Die deutsche Kultur und Gesellschaft ist viel stärker als die meisten glauben. Sie hat schon so viele Einflüsse aufgesaugt, sie verändert und zu einem Teil von sich selbst gemacht. Das Christentum hat seine Wurzeln nicht in Europa, unsere Zahlen sind arabisch, unsere Buchstaben stammen aus dem Lateinischen. Sie alle wurden in die deutsche Kultur aufgenommen und haben sie mitgestaltet. Wir halten heute vieles für so selbstverständlich, dass wir nicht mehr darüber nachdenken. Und doch, ab und zu haben wir alle mal den Spruch gehört oder selbst gesagt, »früher war alles besser/anders«. Ja, manchmal merken wir, dass sich diese deutsche Kultur weiterentwickelt. Jede Kultur tut dies. Ob einem das gefällt, ist eine andere Sache. Aber: Wie sähe die deutsche Kultur denn aus, würde man alle »fremden« Einflüsse entfernen?

Der Gedanke aber, dass sich Deutschland aufgrund der vielen Zuwanderer ändert, scheint vielen Deutschen nicht zu behagen (was allerdings kein typisch deutsches Problem ist). Wie sonst soll ich mir erklären, dass auch ich mit dem Anspruch aufgewachsen bin, dass Deutschland jetzt meine Heimat sei, nicht Korea. Als Heranwachsender verstand ich: entweder das eine oder das andere. Die einen sagen »Du bist Deutscher!«, die anderen sagen »Du bist Koreaner!«.

Auf die Idee, dass ich vielleicht auch beides sein kann, bin ich leider erst viel später gekommen.

Viele Zugewanderte haben die Befürchtung, dass die ursprüngliche Heimatkultur verloren geht, wenn ihre Kinder sich in die deutsche Gesellschaft integrieren. Sie haben Angst davor, dass sich ihre Kinder von ihnen entfernen und dass sie sich selbst durch ihre Kinder von ihrer eigenen (gefühlten) Heimat entfernen.

Tatsache ist, dass sich die Zugewanderten automatisch von der ursprünglichen Heimat kulturell entfernen, weil sich die Gesellschaft und Kultur dort auch weiterentwickeln. Eine Entwicklung, die die Zugewanderten häufig nicht mitbekommen mit der Folge, dass sie sich irgendwann auch in der Heimat nicht mehr wohl fühlen und ständig denken »Früher war alles besser!«.

Die Angst vor dem Verlust der Heimatkultur haben aber nicht nur die Zugewanderten, sondern hat auch die Mehrheitsgesellschaft, die diese Zugewanderten aufnimmt. Nur vergisst die Mehrheitsgesellschaft in der Regel, dass sich jede Kultur im Laufe der Zeit verändert. Ein ganz natürlicher Prozess, der hier stattfindet.

Ein Teil der Gesellschaft, der gerade solche Menschen braucht, die zwei oder mehr Kulturen kennengelernt und verinnerlicht haben, ist ausgerechnet die Wirtschaft. Sie schätzt Menschen, die sich sicher in verschiedenen Kulturen bewegen können (Stichwörter: Globalisierung, internationale Märkte, interkulturelles Management, internationale Projektteams, etc). Durch die Interaktion zwischen Zuwanderern und Einheimischen könnten Menschen heranwachsen, die gelernt haben, mit Menschen unterschiedlicher Herkunft und Kultur umzugehen, auf sie einzugehen, mit ihnen zu arbeiten.

Personalchefs in großen Konzernen freuen sich über Bewerber, die im Ausland studiert oder wenigstens ein Auslandspraktikum absolviert haben. Wer dazu sehr gut Englisch oder gar noch eine andere Sprache sprechen kann, verbessert zusätzlich seine Karrierechancen. Migrantenkinder bringen das Potenzial für interkulturelle Kompetenzen von Haus aus mit. In der Schule (oder in der Familie) sind diese Kompetenzen aber leider kein Unterrichtsfach, so dass aus einem Potenzial eher ein Handicap wird.

Das ZDF hätte in seiner Woche der Integration diesem Integrationsprozess genauer auf dem Grund gehen können. Wie könnte das Deutschland von morgen aussehen, wie könnten so viele verschiedene Kulturen zu einer neuen Gesellschaft geformt werden? Gibt es Menschen, die diese Gesellschaft schon heute vorleben? Die gelernt haben, verschiedene Kulturen konstruktiv und gewinnbringend miteinander zu verbinden?

So hat das ZDF in meinen Augen lediglich eine Bestandsaufnahme der Probleme geliefert, mit denen wir schon damals und noch heute zu tun haben. Real existierende Beispiele von Menschen, die um ihre gesellschaftliche Integration kämpfen. Eher beiläufig wurden auch Menschen gezeigt, die es nach dem allgemeinen Verständnis von Integration geschafft haben. Die perfekt Deutsch sprechen und einen festen Arbeitsplatz haben. Wenn man wenigstens einen von ihnen etwas ausführlicher portraitiert hätte!

Integration ist eine Frage von Einzelgeschichten. Keine Frage. Und es gibt solche und solche. Schön wären solche gewesen, die für andere ein gutes Vorbild gewesen wären. Dass mal die Zuwanderer gezeigt werden, die sich »erfolgreich angepasst« haben, einen guten Abschluss in der Tasche haben, möglicherweise erfolgreich studiert haben und nun in der Nordstadt sogar Arbeitsplätze schaffen – soweit scheint das ZDF offenbar noch nicht zu sein.

Veröffentlicht von Gedankenreiter

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