re:publica 2011: Echokammern oder Wenn Linke Linke verlinken

Als Trainer lernt man, seine Vorträge und Workshops so zu halten, dass die Teilnehmer am Ende mit ein, zwei neuen Ideen und Gedanken nach Hause gehen (einen Vortrag komplett zu verinnerlichen schafft ja selbst kaum ein Referent). Thomas Pfeiffer (@codeispoetry) hat da alles richtig gemacht, hat sich mir nach seiner Session doch ein Begriff besonders eingeprägt: Echokammern (»echo chambers«). Seine Session »Wenn Linke Linke verlinken« war ein guter Einstieg in die re:publica, weil sie sich tatsächlich für mich als Bereicherung für einige der folgenden Sessions entpuppte.

Wir alle kennen das Internet als ein Ort nahezu unbegrenzter Menge an Informationen. Entsprechend kursiert bei manchen Menschen die Vorstellung, dass Internetmenschen besonders gut informiert seien oder besonders offen für neue und fremde Ansichten. Tatsächlich nutzen wir das Internet, um mehr von den Themen zu erfahren, mit denen wir uns sowieso schon beschäftigen. Sei es, um unser Wissen zu diesem Thema zu erweitern, sei es, um unsere Ansichten zu bestätigen. Wir schmoren also gerne im eigenen Saft und nehmen daher tatsächlich gar nicht mehr wahr, welche anderen interessanten Themen noch existieren. Wir sind eher daran interessiert, mit unseresgleichen zu kommunizieren, und erhalten folgerichtig auch nur das wieder zurück, was wir bereits kennen und hören wollen. Unsere Gedanken schaukeln sich quasi hoch wie bei einem Echo in einer geschlossenen Kammer. Als Resultat verstärken wir in diesen Echokammern unsere eigenen Überzeugungen, statt über den Tellerrand hinauszublicken, um uns selbst zu hinterfragen, und uns mit Leuten auseinanderzusetzen, mit denen man nicht einer Meinung ist. Diese Echokammern führen letztendlich zu einem Information Cocoon, d.h. wir igeln uns in unserer eigenen Informationswelt ein.

Anhand einer Analyse von Webseiten deutscher Politiker stellte Pfeiffer fest, dass die politische Richtung keine Rolle auf das Verharren in Echokammern spielt. Jeder von ihnen verlinkt auf seiner Internetpräsenz zu Politikern oder Seiten seiner eigenen Partei, selten darüber hinaus zu anderen politischen Ansichten. Linke verlinken Linke, Rechte verlinken Rechte. Und was für Politiker gilt, dürfte entsprechend auch für andere Internetnutzer gelten.

Laut Pfeiffer fördern nun gerade Social Media die Zergliederung in kleine und kleinste Gruppen (Subcommunities), da man hier noch genauer die Gruppierung von Menschen finden kann, die so ähnlich denken wie man selbst. Durch Social Media erfährt diese Form der Abgrenzung eine neue Qualität, weil es selten so leicht geworden ist, sich voneinander abzugrenzen.

Ein Hoffnungsschimmer bleibt allerdings, denn diese Echokammern sind gerade im Internet äußerst durchlässig. In Anlehnung an das Kleine-Welt-Phänomen von Stanley Milgram seien wir z.B. auf Twitter nur 2,1 Retweets von anderen, neuen Meinungen entfernt (interessant: auf Wikipedia habe ich als durchschnittliche Distanz den Wert 4,67 gefunden). Informationen kommen also nicht nur aus der eigenen Echokammer, sondern auch von Leuten, mit denen wir nicht direkt verbunden sind. Möglich ist dies, weil (und wenn) einige wenige eine Brückenfunktion zwischen verschiedenen Echokammern ausüben.

Nachtrag:
In diesem Zusammenhang finde ich auch diesen Artikel interessant:
Soziale Spaltung im Netz: »Ich will keine Asis als Freunde«
SPIEGEL Online, 26.04.2011

Veröffentlicht von Gedankenreiter

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1 Kommentar

  1. Danke für die Zusammenfassung. Das war echt ein klasse Auftakt zur re:publica. Und tatsächlich einer, der im Gedächtnis blieb. ;-)